Wir sind mit Zucker in Serie!
Der Beginn einer Zucker-Lügen-Reihe

Von |2019-08-27T09:46:00+01:0013 Sep, 2018|Ernährung, Gesundheitsmanagement|

Wann schadet Lügen eigentlich? Und wem? Das führt mich direkt zur nächsten Frage: Warum lügen wir?
Wenn wir höflich sein oder anderen Schmerz ersparen wollen, ziehen wir einfach die Notlüge aus der kommunikativen Trickkiste: Ausreden, um anderen nicht die Wahrheit sagen zu müssen, erleichtern uns auch aus Gewissensgründen das Leben. Ob Schwindeln oder Ausrede: Angeblich lügen wir bis zu 200 Mal am Tag. Lügen ist also – irgendwie – menschlich.

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Doch es gibt einen Unterschied, bei dem das sozial-sympathische Schwindeln die Grimasse des Asozialen annimmt. Und dieser Unterschied liegt meiner Meinung nach in der Schwere der Lüge. Es ist schließlich ein Unterschied, ob ich sage: „Das hat mir geschmeckt“, obwohl ich es anders empfinde; mein Gegenüber sich dafür aber wertgeschätzt fühlt. Oder, ob es einem Menschen hinterher schlechter geht, weil etwas als Wahrheit aufgetischt wird, von dem nur der Absender weiß, dass es eine Mogelpackung ist. Sei es, weil er besser dastehen will und sein Produkt besser dastehen soll als es ist. Oder, weil ihm die Mogelpackung selbst Vorteile verschafft und ihn die – gesundheitlichen – Folgen für andere nicht interessieren.

Zucker-Lügen haben viele Gesichter
Das Produkt ist in diesem Fall (Haushalts-)Zucker. Das Gesicht des Mogelpackers ist lange Zeit unbekannt gewesen, denn es fehlten ihm – im Gegensatz zu Mutti oder Pizzabäcker Pietro – zwei Augen, in die man gucken kann. Und es fehlten ihm die Ohren, die hören (wollten): „Das, was du mir auftischst, macht mich krank.“ Die Zucker-Lüge hat nämlich viele Gesichter. Ob generische Aufklärungskampagne, bei der PR-Profis Zucker eine sympathische Tarnung verleihen oder durch Ablenkungsmanöver, bei der der Schwerpunkt einfach auf das verlegt wird, von dem zu wenig krank machen würde: Bewegung (http://www.evivam.de/sport-food/gesundheit/tipps/zucker-pr-tarnung-taktik-292517.html). Wenn es darum geht, etwas zu verharmlosen oder Menschen in die Irre zu führen, wiegt das schwer.

Gewicht, Zeit (-Spanne) und systematische Irreführung
Ein Werbespot oder eine Veröffentlichung in einem Print-Medium in den 1960er-Jahren hatte eine nachhaltigere Bedeutung für das gesellschaftliche Bewusstsein als heute: Absender buhlen mit der heute möglichen Technik und der Digitalisierung in jeder Sekunde um unsere Aufmerksamkeit. Grundsätzlich gilt: Das allgemeine Bewusstsein in systematischer Weise zu beeinflussen zählt zur Propaganda – wer zielgerichtet versucht, öffentliche Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und das Verhalten in eine erwünschte Richtung zu steuern, lügt.

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Die Low-Fat-Lüge oder: Der Schwarze Peter heißt Fett
Jahrzehntelang ist so eine Beeinflussung genutzt worden, um die Folgen von zu viel Zucker herunterzuspielen. Die Taktik? Wieder ein Ablenkungsmanöver: Der Schwarze Peter wurde einfach einem anderen Grundnahrungsmittel zugeschrieben – dem Fett. Unter der sogenannten Low-Fat-Propaganda sind dazu in den 1960er- Jahren einige Harvard-Wissenschaftler von der Zucker-Industrie geschmiert worden: Sie sollten den Zusammenhang von Zucker und koronaren Herzerkrankungen herunterspielen. Und das taten sie auch.
Die Professoren John Yudkin und Robert H. Lustig waren Anfang der 1970er-Jahre Aufklärungspioniere gegen diese Lüge. In dem Buch namens „Pure, White and deadly”, erläutern sie, dass Zuckerkonsum nicht nur in direktem Zusammenhang mit koronaren Herzerkrankungen steht, sondern auch zu Adipositas Diabetes-Typ-II. Sie haben auch Pionierarbeit geleistet, weil sie die Studien kritisieren, die von der Industrie gesponsert waren. Sie belegen in ihrem Buch, dass die Forschungsfelder von Harvard Professor Ancel Keys von der Zuckerindustrie unterstützt wurden.
Ein Pionier der heutigen Zeit ist Damon Gameau. Auf seinem Zuckerkonsum ist das Buch namens „Voll verzuckert“ gewachsen, das 2015 erschien. Er hat dazu zwei Monate lang täglich 40 Teelöffel Zucker gegessen und über die Folgen geschrieben. Sechs Teelöffel davon dürfen es laut WHO am Tag sein. Auf diese Art bekam er drei Kilo binnen zwölf Tagen auf die Hüften und war drauf – wie auf Droge.

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Das Ding – und die Kernfrage seiner Recherchen: Wo steckt eigentlich überall Zucker drin? Und wie verzuckert sind wir eigentlich? Und wie fühlen wir uns damit? Durch ihn und weitere Aufklärer – denn er hat auch Lügen-Propaganda rund um Zucker aufgedeckt – sind die Verbraucher zumindest in einigen Ländern bewusster im Umgang mit Zucker geworden. Zucker zaubert seitdem mit seiner krankmachenden Kehrseite durch die Medien, wahlweise als Blogbuster für Ratgeber im TV oder als Gesundheits-Hacks in Blogs. Zuckerfrei-Challenges (zum Beispiel Healthy Habits oder Projekt gesund leben) gehen auf Aufklärer wie diese zurück. Die Pioniere haben es mit ihrer Aufklärungsarbeit geschafft, die gesunde Dosis des weißen Kristalls in Frage zu stellen und über Wirkungen aufzuklären. Leider bringen Lügen wie die Low-Fat-Lüge noch mehr mit sich: Vertrauensverlust in die Wissenschaft.

Die Dosis macht das Gift
Zuckerkonsum ist eine Frage der Dosis. Und da sich Gift ja nicht auf den ersten Blick nachweisen lässt, kommt es zusammen mit Bewegungsfaulheit erst nach vielen Jahren in Form des metabolischen Syndroms daher, also mit bauchbetonter Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung und Insulinresistenz. Dieses Quartett der krankmachenden Eigenschaften kann dann die Karte für Erkrankungen wie Diabetes sowie Herz- und Gefäßerkrankungen ausspielen.

Zucker zaubert? Mit Zucker lacht das Leben?
Das Ding: Es ist ja eben nicht die Puddingschnecke, von der ich ja weiß, dass sie als Nachtisch oder Leckerei zwischendurch gedacht ist und mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Sie zählt nicht zur Mogelpackung. Es sind die mit Zucker verarbeiteten Lebensmittel – zum Beispiel Frucht-Joghurts und deren Light-und Fat-Free-Produkte: Fehlt der Geschmacksträger Fett, heißt das, dass mehr Zucker drinsteckt – eine Milchmädchenrechnung. Hinzu kommen die bunten Kartonagen mit unverständlichen Nährwertangaben, und sogenannte Erfrischungsgetränke, zu denen zuckerhaltige Limos, Energy-Drinks und Cola-Getränke zählen. Dieser Blogbeitrag soll ja erstmal nur zeigen wie schwierig es ist, Lügen aufzudecken, gesellschaftlich entstandene Glaubenssätze und Verhaltensmuster bewusst zu machen und nie in Frage Gestelltes infrage zu stellen.

Fischen im Trüben: Da liegt immer noch etwas im Argen!
Die Verbraucherorganisation foodwatch legt ihren Finger immer wieder auf zuckrige Angelegenheiten mit Nebengeschmack. Sie erinnern Lebensmittelunternehmen und politische Akteure immer wieder daran, dass sie Verantwortung tragen und machen bewusst, wo noch Lügen im Trüben liegen. Ein immer wieder kehrendes Thema ist die sogenannte Lebensmittelampel. Die soll es Verbrauchern ermöglichen, im Dickicht bunter Werbekartonagen den Überblick zu behalten, um ein möglichst gesundes Lebensmittel einzukaufen. Wer durchschaut Mogelpackungen und Nährwerte im Warenregal schon auf Anhieb?

Unsere Nachbarn Großbritannien und Frankreich und jetzt auch Belgien führen eine Nährwert-Ampel für Lebensmittel. Damit werden Zucker sowie auch Salze, Fette und Co für den Verbraucher übersichtlicher, weil für alle Verpackungen eine einheitliche Lebensmittelampel gilt. Ärzteverbände, Krankenkassen und Verbraucherorganisationen fordern in Deutschland ein solches Ampel-System schon seit Jahren. Die neue belgische Ampel entspricht dem sogenannten NutriScore-Modell: NutriScore wurde von Wissenschaftlern entwickelt und nimmt eine Gesamtbewertung des Nährwertprofils eines Produktes vor, indem günstige und ungünstige Nährwertbestandteile mit Punkten bewertet und dann miteinander verrechnet werden. Das Ergebnis wird mit einer fünfstufigen Farbskala dargestellt –zugleich sind die Buchstaben A-E hinterlegt. Ein Produkt mit einem günstigen, ausgewogenen Nährwertprofil erhält somit eine grüne Einordnung und den Buchstaben A, ein sehr unausgewogenes Produkt enthält eine rote Bewertung und den Buchstaben E.

Das NutriScore-Modell unterscheidet sich damit von dem Ampel-Modell, das die englische Lebensmittelbehörde FSA bereits 2007 entwickelt hatte. Diese „Original-Ampel“ zeigt nicht eine einzige Farbskala, sondern vier: jeweils für die Zutaten Fett, gesättigte Fette, Zucker, Salz. Beide Systeme haben nach Angaben von foodwatch in einem großen Vergleichstest der französischen Regierung dazu geführt, dass Menschen gesünder einkaufen.

„Ob NutriScore aus Frankreich oder die Original-Ampel aus Großbritannien: Entscheidend ist, dass wir ein von unabhängigen Experten entwickeltes System haben, das die Nährwerte eines Produkts mit einer farblichen Kennzeichnung direkt auf der Produktvorderseite darstellt und die Vergleichbarkeit von Produkten gewährleistet, “ sagt Oliver Huizinga, Leiter Recherche & Kampagnen bei foodwatch.

Die Kern-Idee der Lebensmittel-Ampel ist, dass Verbraucher verschiedene Produkte schnell miteinander vergleichen können. Der Lebensmittelhersteller Danone will in Deutschland bereits ab Anfang 2019 das von Frankreich und Belgien eingeführte Nutriscore-Modell auf seine Verpackungen drucken (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/danone-fuehrt-ampelkennzeichnung-fuer-lebensmittel-ein-a-1212979.html).

Ein Dschungel aus Kennzeichnungen
Seit Dezember 2016 ist die Nährwertkennzeichnung für alle vorverpackten Lebensmittel EU-weit verpflichtend. Auch bei uns in Deutschland ist diese Auflistung mit sieben Nährwerten bezogen auf 100 Gramm oder 100 Milliliter dem Etikett Pflicht. Das Ding: Da die Pflicht zur Nährwertkennzeichnung EU-weit einheitlich geregelt ist, können Mitgliedsstaaten zusätzliche, farbbasierte Kennzeichnungsmodelle nur auf freiwilliger Basis einführen.

Dazu fällt mir nur die Erzählung „The Country oft he Blind“ von H.G. Wells ein. Die Analogie: Wenn nur ein Hersteller die Ampel hierzulande einführt, wird der Einäugige zwar für den Moment König. Danone wird also als Vorreiter davon profitieren, denn die Verbraucher werden den Hersteller zusätzlich mit etwas bewerten, das man mit Mogelpackungen nicht erreicht: mit Vertrauenspunkten und einem positiven Image.  Den Verbrauchern wird es aber auf lange Sicht keine Übersicht im Dschungel der Produkte geben.

Das weitere Ding: Diese freiwillige Basis nutzen die fünf großen Lebensmittel-Unternehmen Nestlé, Coca-Cola, Pepsi, Unilever und Mondelez dazu, um eine weitere Industrie-Ampel nach eigenem Geschmack einzuführen – eine manipulierende Ampel sozusagen – die auf Basis von Portionsgrößen berechnet wird. Ein Schoko-Brotaufstrich würde mit seinen Hauptbestandteilen Zucker und Fett keine einzige rote Ampel erhalten. Welche Gewichtung hätte diese Lüge dann?

(Artikel: Wir sind mit Zucker in Serie! Der Beginn einer Zucker-Lügen-Reihe)

Ich heiße Wibke Roth. Und ich arbeite am liebsten schreibend und schwitzend – in die Tasten hauend und als Fitness-Trainerin. Man könnte auch schreiben: Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich andere in Bewegung bringe, erlebe ich sie. Meistens bewege ich mich übrigens mit. Ich kann nicht anders. Manchmal gerate ich jedoch auch beim Schreiben ins Schwitzen: je nach Temperatur, Thema und Terminfrist. Wenn mein Sportsgeist außer Atem kommt, haue ich auch gerne einfach `mal ab – in die Berge, ans Meer oder in den Wald. Wenn davon nichts in Sicht ist, haue ich mich einfach aufs Ohr. Das ist sehr gesund und besser als draufloszuhauen – also wild schreiend; dann doch lieber schreibend in die Tasten.

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