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20210623 Blogbeitrag Herzensweisheit V 0 1 KUM OP

Weniger Zeitdruck mit der Kraft der Herzensweisheit

Frau Tewes: Sie sind ausgebildete Krankenschwester, Diplom-Psychologin, Pflegewissenschaftlerin und Coach für Führungskräfte. In einem Fernsehbeitrag der ARD – darin ging es darum, ob sich Resilienz erlernen lässt – haben Sie Pflegenden gezeigt, wie Sie mit Ihrer Herzintelligenz selbst dafür sorgen können, dass es ihnen im hektischen und auch emotional aufwühlenden Berufsalltag besser geht. Die Methode, mit der Sie sie trainieren, heißt HeartMath. Wie kam es dazu, dass Sie diese Methode anwenden?

Prof. Renate Tewes: Ich fuhr Anfang 2014 nach Schottland. Auf einem Kongress in Glasgow wurden die Forschungsergebnisse zu HeartMath im Krankenhaus vorgestellt und ich konnte mit den Pflegefachkräften und Ärzten dazu sprechen. Die Ergebnisse beeindruckten mich sehr. Durch die Integration der HeartMath-Übungen verlief der sonst hektische Alltag ruhiger, konzentrierter und empathischer. Patienten wurden bei den Visiten mehr einbezogen und die jungen Ärzte fühlten sich weniger gestresst. Das wirkte sich natürlich auch auf die Pflegenden positiv aus.

Das heißt, grundsätzlich funktioniert die Methode auch ohne die Technik?

Prof. Tewes: Grundsätzlich handelt es sich dabei um Atem- und Visualisierungsübungen. Das HeartMath-Training verläuft in drei Schritten:
1.) Zunächst wird die Methode geübt. Dazu gibt es eine Vielzahl von Methoden wie Neutral, Quick Coherence oder Heart-Lock In, Freeze Frame…
2.) Der Klient übt diese Methode eine ganze Woche lang und schreibt seine Erfahrungen dazu auf.
3.) Dann werden diese Methoden in den Alltag integriert. Die Übung erfolgt also nicht mehr zusätzlich, sondern während ich etwas mache. Zum Beispiel beim Warten in der Einkaufsschlange, an der Kaffeemaschine, beim Zähneputzen… Damit kann ich bei möglichst vielen Routinetätigkeiten gleich meine HRV* trainieren. Einige funktionieren mit offenen Augen, andere mit geschlossenen Augen. Mit ein bisschen Training gehen einige Übungen auch beim Autofahren und auf jeden Fall, wenn ich im Stau stehe.

Neben dem Einzel-Coaching – die dauern sechs Wochen, mit jeweils einer Sitzung über 1,5 Stunden mit dem HM-Coach – bieten wir Gruppentrainings an. Das sind zwei Trainingstage mit sechs bis acht Wochen Zeitunterschied zum Üben.

Lässt sich die Methode – Sie arbeiten mit Herzfrequenzvariabilität, Herzkohärenz, Atmung und Imagination – in zwei, drei Sätzen erklären?

Prof. Tewes: In meinen Schulungen verkabele ich die Teilnehmer zunächst. Dann mache ich einen Stresstest. Das funktioniert zum Beispiel sehr gut mit dem Begriff „Finanzamt“. Ich kann bei den Bildern und durch die Verbindung mit dem Sensor sofort sehen, wie der Ausschlag ist. Dann bitte ich die Teilnehmer, Ihre Aufmerksamkeit aufs Herz oder den Brustkorb zu lenken. Dann bitte ich die Teilnehmer beim Einatmen bis fünf zu zählen und beim Ausatmen bis fünf zu zählen. Allein dadurch verändern sich die Linien von zackig in wellig. Die HRV lässt sich als Fähigkeit des Herzens erklären, sich situativ anzupassen bzw. schnell auf Stress zu reagieren und danach wieder zu entspannen. Doch das ist sozusagen die erste Stufe. Dann folgt eine Imagination, bei der es darum geht, ein angenehmes Bild vor dem inneren Auge zu erzeugen.

Es gibt viele HeartMath-Methoden, die zwischen 60 Sekunden (Neutral) bis zu fünf Minuten (Heart-Lock In) dauern. Es geht dabei immer um eine Mischung aus Atmung und Visualisierung. Entscheidend ist dabei, die Vorstellung durch das Herz ein- und auszuatmen.

Auch wenn es komisch klingt, weil man mit dem Atmen ja immer die Lunge verbindet. Diese Visualisierung durch das Herz hat eine wissenschaftliche Bedeutung. Denn rund um das Herz befinden sich die meisten Nervenbahnen, die direkt mit dem Hirn verbunden sind. Bei der Atmung durch das Herz wird die Botschaft von Relaxation also direkt an das Hirn weitergebeben. Von dort werden entsprechende Hormone produziert, die wiederum den Körper entspannen, zum Beispiel mit Oxytocin und DHEA.

Während wir mit der Übung Neutral lediglich den Stressbereich verlassen und in die neutrale Zone gehen, gehen wir mit der Übung Quick Coherence gleich in den Bereich von positiven Emotionen. Das funktioniert mit der Entwicklung von persönlichen inneren Bildern. Welches Bild funktioniert, wird mit dem Biofeedback-Gerät emwave2 dann ausprobiert.

Ähnlich wie beim Yoga und Mediationen ist Regelmäßigkeit wahrscheinlich der Haupterfolgsfaktor, richtig?

Prof. Tewes: Ja, genau. Teilnehmer müssen anfänglich morgens und abends fünf Minuten lang üben. Dazwischen sollen sie zwei bis drei Mal täglich eine der Übungen machen. Zum Beispiel die Imaginationsübung. Die Heart-Lock In Übung erfolgt nicht nur am Anfang morgens und abends, sondern bleibt sozusagen „lebenslänglich“.