Deutschlands berühmter Altenpfleger Ferdi Cebi gibt Einblicke, wie es ein Jahr nach dem Pflegeruck steht

Von |2019-08-16T07:49:27+01:005 Aug, 2019|Aktuelles aus der Politik, Gesundheitsmanagement, Pflege|

Ferdi Cebi ist Altenpfleger in einem Altenpflegeheim Paderborns. Als Cebi vergangenes Jahr vor der Bundestagswahl als Gast im Zuschauerraum der Wahlkampfsendung „Klartext, Frau Merkel“ das Wort ergreift, erläutert er der damaligen CDU-Spitzenkandidatin, was die Regierung bis dato in Sachen Pflegereform in seinen Augen gut gemacht habe – er nennt etwa die Einführung der strukturierten Infosammlung SIS, durch die er und seine Zunft wertvolle Zeit gewinnen, statt in „überflüssige Dokumentation zu verplempern“ und er begrüßt, „dass Pflegeschüler kein Lehrgeld mehr bezahlen müssen“.

Er sagt damals aber auch, wo die Bundesregierung für seinen Berufsstand noch schrauben muss:

  1. „an einer Mindestzahl an Personal auf den Stationen,
  2. am besseren Lohn und
  3. an besseren Arbeitszeiten.“

Sein selbstbewusster Auftritt dort hatte zur Folge, dass ihn Angela Merkel nach der Wahl im Juli 2018 wie versprochen an seiner Arbeitsstätte besucht. Der PR-Auftritt zu Beginn der Konzertierten Aktion Pflege hatte es in sich: Die vielen Medienberichte haben Ferdi Cebi zu einem berühmten Vertreter seines Berufsstands gemacht. In meinem Pflege-Dossier, das wir vergangenes Jahr im Juli veröffentlicht haben, hatten wir uns vorgenommen, im Juli 2019 noch einmal bei Ferdi Cebi nachzufragen, was sich bei ihm, dem Berufsstand und beim Pflege-Nachwuchs getan hat.

Von Stellschrauben, an denen gedreht wird und von solchen, an denen wohl nicht zu drehen ist

Ich erreiche den 37-Jährigen telefonisch bei sich zuhause. Sein Urlaub in der Türkei liegt gerade hinter ihm. Heute hat er frei. Unser Gesprächstermin in der Woche zuvor musste ausfallen, weil er die Schicht eines Kollegen übernommen hat – eine typische Alltagssituation für einen Altenpfleger. Cebi liebt seinen Beruf, zum einen, weil ihn die Zusammenarbeit mit den alten Menschen habe reifer werden lassen und, weil er viel von ihnen zurückbekäme; zum anderen, weil er im richtigen Betrieb ist und dort besser als der Durchschnitt verdient. Und trotzdem: Selbst an einem Ort, an dem nach Länder-Tarif bezahlt wird – Cebi verdient nach eigenen Angaben mit seiner Vollzeitstelle 3.200 Euro brutto, hat 32 Tage Urlaub und darf mit zwei Rolltagen und dem Wochenende vier Tage lang am Stück frei machen, nachdem er zehn Tage lang gearbeitet hat. Er könne sich so gut erholen und Kraft für seine Arbeit schöpfen. „Die macht einfach Spaß!“, sagt er.

Stellschraube 1: Die Mindestzahl an Personal auf den Stationen – nicht drehbar

Und selbst bei seinem Arbeitgeber mit solch idealen Bedingungen, bräche die Arbeitsstruktur zusammen, sobald ein Kollege krank werde. Dann müsse auch Cebi – ob Rolltag oder Wochenende – einspringen.  Und das ist nicht einfach so zu ändern: „Der Personalschlüssel wird ja über die Pflegegrade ermittelt“, sagt er. Wohlwissend ergänzt er: „Das ist aber eine Stellschraube an der nicht zu drehen ist; auch nicht durch die Konzertierte Aktion Pflege und das Pflegepersonalstärkungsgesetz.“

Cebi: „Anders, als in unserem Haus, müssen viele Altenpfleger durch die 6-Tage-Woche zwölf Tage am Stück arbeiten und haben dann nur zwei Tage durch das Wochenende frei. Wie soll man sich da erholen? Ich würde mir das für alle meine Kollegen in Deutschland wünschen.“

Stellschrauben 2 und 3: Besserer Lohn, bessere Arbeitszeiten

Mit seinem Lohn ist Cebi nach eigenen Angaben sehr zufrieden: „Ich wünsche mir aber, dass das Gehalt in allen Bundesländern für die gesamte Zunft tariflich geregelt ist“, sagt er. Er habe dieses Jahr allein dadurch, dass seine Arbeit tariflich geregelt ist, schon eine Lohnerhöhung erhalten. In einem Verband ist Cebi nicht aktiv. Er tausche sich über die Social-Media-Kanäle als „IDREF“ mit anderen Pflegekräften aus. Dort ist er auch mit seiner Musik aktiv. Und dort zeigt er sich auch mit den Senioren aus dem Altenpflegeheim. Der gebürtige Deutsche mit türkischen Wurzeln hat zum Zeitpunkt unseres verschobenen Gesprächs gerade seinen zweiwöchigen Urlaub in der Türkei hinter sich. Und weil ein Kollege krank wurde, musste er einspringen. So gut erholt sei das natürlich kein Problem.

Wenn er nach einer Zehn-Tage-Woche aber deswegen seine vier Erholungstage – die Rolltage plus Wochenende – unterbrechen muss? Cebi: „Das ist kraftzehrend.“

Und selbst, wenn Hilfskräfte und Altenpfleger quasi unabhängig vom Personalschlüssel eingestellt würden, denn durch den vom Kabinett beschlossenen Gesetzentwurf zur Stärkung des Pflegepersonals sollten ab Januar 2019 deutschlandweit ja 13.000 Pflegekräfte in stationären Pflegeeinrichtungen neu eingestellt werden. Ob er davon schon etwas mitbekommen habe? Cebi: „Ehrlich gesagt nicht. Wo sollen die auch herkommen? Der Bundesgesundheitsminister ist ja gerade im Kosovo, um dort für Pflegekräfte zu werben.“  Laut Spiegel hat Gesundheitsminister Jens Spahn aufgrund tausender unbesetzter Stellen eine Vereinbarung unterzeichnet, um Pflegekräften aus dem Kosovo den Start in Deutschland zu erleichtern. Angesichts des Pflegenotstands könnten weitere Länder folgen.
Ja, es muss auch ein Jahr nach dem Pflegeruck weiter kräftig geschraubt werden: Positiv bewertet Cebi, dass durch die Konzertierte Aktion Pflege der Pflegenotstand eben Thema geworden ist: „Es wird darüber geredet“, sagt er.

Ferdi Cebi

„Gespräche und Zeit mit den Heimbewohnern sind mein eigentlicher Antrieb, meinen Beruf sehr gerne auszuüben“, sagt Ferdi Cebi. Die Weisheit einer alten Dame habe ihm auch schon privat weitergeholfen. Er verarbeitet das Erlebte auch in seiner Musik und setzt sich öffentlich für das Thema ein. Er sei über den Zivildienst im St. Johannisstift Paderborn überhaupt auf die Idee gekommen, Altenpfleger zu werden und mache dies aus ganzem Herzen: Dort arbeitet er heute immer noch. Vor seiner Ausbildung habe er ursprünglich etwas Technisches lernen wollen. Cebi ist 1981 geboren, hat eine Lebensgefährtin und zwei Kinder.


Mit diesem Artikel nehmen wir wieder Pflegefahrt auf, werden unsere hauseigenen Experten befragen und Wissenswertes über Pflegeprojekte vorstellen.
Ich heiße Wibke Roth. Und ich arbeite am liebsten schreibend und schwitzend – in die Tasten hauend und als Fitness-Trainerin. Man könnte auch schreiben: Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich andere in Bewegung bringe, erlebe ich sie. Meistens bewege ich mich übrigens mit. Ich kann nicht anders. Manchmal gerate ich jedoch auch beim Schreiben ins Schwitzen: je nach Temperatur, Thema und Terminfrist. Wenn mein Sportsgeist außer Atem kommt, haue ich auch gerne einfach `mal ab – in die Berge, ans Meer oder in den Wald. Wenn davon nichts in Sicht ist, haue ich mich einfach aufs Ohr. Das ist sehr gesund und besser als draufloszuhauen – also wild schreiend; dann doch lieber schreibend in die Tasten.

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