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Blogbeitrag Interview Jana Craemer

Interview mit Jana Crämer: „In mir war purer Sturm” – Was Corona in Jugendlichen auslöst

Jana Crämer beschreibt als Autorin und Bloggerin ihren Weg aus der Essstörung Binge Eating – schonungslos ehrlich und so, dass sich viele Menschen in ihren Schilderungen wiedererkennen. Emotional berührend und gleichzeitig mit einem humorvollen Augenzwinkern nimmt uns Jana in Büchern und Social Media unter dem Motto „Endlich ich“ mit auf ihre Reise in ein selbstbestimmtes Leben. Mit über 500.000 Follower/-innen auf TikTok und mehr als 40.000 auf Instagram hat sie sich einen kurzen Draht zu anderen Betroffenen aufgebaut und gibt besonders Jugendlichen wertvolle Orientierung zum Umgang mit „Psychofuck“ und dem Wert von Freundschaften im Real Life.

In unserem Interview berichtet sie, welcher Sturm gerade jetzt in Pandemie-Zeiten in Kindern und Jugendlichen tobt.

Bevor es losgeht, noch eine kurze Anmerkung am Rande: Das Interview ist recht lang, doch das Lesen lohnt sich und das Thema ist zu wichtig, um es auf wenige Sätze herunter zu brechen. Im Anschluss an die Verschriftlichung haben wir das Interview in voller Länge als Audio eingebunden. Wer also lieber reinhören möchte, findet die Tonspur am Ende des Beitrags oder hier: Direkt zur Tonspur

Und jetzt… Viel Spaß beim Lesen!

Seit mehr als 16 Monaten leben wir im Corona-Ausnahmezustand. Was hat die Krise mit dir gemacht?

Jana lacht. Ich muss wirklich sagen: Corona hat mein Leben komplett durchgerüttelt. Durch die Pandemie habe ich auf jeden Fall gelernt, wenn man einen Plan hat, heißt das nicht, dass der umsetzbar ist. Ich hatte mir ganz andere Ziele für die letzten Monate gesteckt, wollte sehr viel unterwegs sein, Menschen treffen, Neues anstoßen und auf einmal wurde die Stopp-Taste gedrückt. Ich habe mich extrem fremdbestimmt gefühlt, da ich auf diese Kehrtwende um 180 Grad null Einfluss nehmen konnte.

Am Anfang war ich wie gelähmt, völlig überfordert mit der Gesamtsituation. Die ersten Wochen war ich in Schockstarre und hatte Zukunftsängste. Gerade diese Anfangsphase hat mich stark verunsichert und mich in die essgestörte Zeit zurückgeworfen. Auf einmal gab es die Empfehlung, dass wir für die nächsten zwei Wochen einkaufen sollen und so waren meine Schränke voll. Um mich ein Stück weit aus der Essstörung zu befreien, hatte ich vorher immer nur das zuhause, was ich für die nächsten Tage brauchte. Aber auf einmal massenhaft Vorräte in den Schränken zu haben? Vor allem in einer Zeit, in der alles aus den Fugen gerät …

Das ist für mich der ideale Nährboden einer Essstörung! Man ist so verunsichert und das Essen ist dann ein entscheidender Kontroll- und Haltgeber, allgegenwärtig und leicht zu beeinflussen.

Zunächst habe ich auch jede Schlagzeile gelesen. Jede neue Meldung, die rein kam, ist auf meinem Handy aufgepoppt. Ich wollte nichts verpassen, weil ich dachte, okay, hier geht gerade die Welt unter. Katastrophenmodus. Meine bestehende Grundangst, etwas zu verpassen, wurde multipliziert mit dem Faktor Corona. Nach einer Weile habe ich für mich herausgefunden, dass es mir gut tut, wenn ich mir ein kleines Zeitfenster einrichte, in dem ich mich ganz bewusst auf die neuen Entwicklungen einlasse. Ich stürzte mich dabei nicht nur auf die Nachricht, sondern stellte mir auch die Frage: Okay, und was macht das jetzt mit Dir? Was leicht klingt, war echt herausfordernd. All die Ängste, die in mir schlummerten, wurden verstärkt. Das hat schon eine Menge mit mir gemacht.

Hat sich auch etwas positiv verändert?

Ja, irgendwann habe ich diesen Punkt überwunden. Ich konnte das Weltgeschehen nicht ändern. Deswegen habe ich mich dann darauf konzentriert, was ich gut kann. Auf Dinge, die ich in der Hand habe. Also habe ich ein neues Buch geschrieben. Nach und nach konnte ich für mich das Beste aus der Zeit machen. Die Welt da draußen steht gerade Kopf, okay, dann verbringe ich die Zeit in meiner eigenen kleinen Welt. Positiv konnte ich für mich mitnehmen, dass ich tatsächlich, obwohl ich es früher nicht so gerne mochte, offenbar mit Veränderungen ganz gut umgehen kann. Schließlich war in der Zeit alles Veränderung. Für mich war das eine Art Konfrontationstherapie. Und ich glaube, ich bin ganz gut durchgekommen.

Jana Crämer über Essstörrung und psychische Folgen der Pandemie auf Jugendliche

Du hast gesagt, dass du auf einmal gezwungen warst, Einkaufspläne zu machen. Das ist ja wirklich etwas, das der Symptomatik der Essstörung in die Karten spielt. Wie siehst du das?

Genau, die Corona-Zeit ist aus meiner Sicht wirklich der beste Nährboden für Essstörungen aller Art. Das Essen ist eben etwas, das sich recht einfach kontrollieren lässt. Wenn man sich also so machtlos und fremdbestimmt fühlt und gleichzeitig das starke Bedürfnis hat, die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten, dann ist das Essen als Kontrollfaktor da. Ich allein entscheide, ob ich mir z. B. einen ganz strikten Ernährungsplan mache. Auf einmal habe ich Zeit, alles grammgenau abzuwiegen.

Zusätzlich wurde bei sehr vielen Schüler/-innen auch der Gedanke gepflanzt, dass die Zeit des Homeschoolings für ein Glow-up genutzt werden müsste. Es gibt diesen Druck, dass sich jede und jeder top trainiert und ohne „Corona-Kilos“ präsentiert. Also komplett auf Äußerlichkeiten fixiert. Gleichzeitig ist all das, was in unserem Inneren passiert, so überfordernd. Das spiegeln mir auch viele Kids. Sie schreiben, dass in ihnen purer Sturm ist.

Das Äußere wurde also durch die Überforderung im Inneren zum Mittelpunkt?

Wenn du mit diesem Kontrollverlust kämpfst, dann suchst du dir etwas, hinter das du am Ende des Tages einen Haken auf der inneren To-Do Liste setzen kannst. Und wenn es bloß das Ziel „Ich habe heute nur 300 Kalorien gegessen“ ist. Völliger Wahnsinn! Aber du hast das Gefühl, etwas selbst zu kontrollieren.

Ich habe mit sehr vielen Psychologen gesprochen, die sagten, dass die Zahlen im Bereich der Essstörung explodiert sind und der Therapiebedarf nicht gedeckt werden kann. Einerseits gibt es die, die dachten, die Essstörung überwunden zu haben und viele, die ganz neu reinrutschen. In dieser Zeit dann keine oder nur zeitverzögert Hilfe zu bekommen, da das Unterstützungssystem überlastet ist, ist schwierig.

Es ist schade, dass der Präsenzschulbetrieb so lange nicht möglich war. Die Lehrer/-innen hätten da ja ansetzen können. Zumindest Halt geben und Struktur. Aber das war eben alles nicht möglich. Die Eltern waren wahrscheinlich auch vielfach überfordert. Homeoffice, Doppel- u