Warum werde ich immer im Urlaub oder am Wochenende krank?

Vielen Dank an den Gast-Autor dieses Artikels: unser Kollege Julian Hannemann!

Einigen Menschen dürfte folgendes Phänomen sehr vertraut sein: Es steht nach längerer, arbeitsintensiver Zeit mal wieder ein Urlaub oder ein verlängertes Wochenende an. Doch anstelle eines rundum erholsamen Gefühls der Entspannung, was man sich so dringend wünscht, um die Reserven für den nächsten Kraftakt im Job und/oder Haushalt wiederherzustellen, fängt der eigene Körper an zu kränkeln: Kopfschmerzen bis hin zu Migräne, Müdigkeit und Energiemangel, Übelkeit, Rückenprobleme, allgemeine (muskuläre) Schmerzen oder virale Infektionen (z.B. Erkältungen und grippeähnliche Symptome) zeichnen sich ab. Warum ich? Warum gerade jetzt? Und warum passiert mir das ausgerechnet im Urlaub? Ergebnisse der Psychoneuroimmunologie (PNI) legen nahe, dass dabei die Verbindung von psychischem Stress mit der körperlichen Immunaktivität eine entscheidende Rolle spielt.

Bereits vor 100 Jahren wurde das Phänomen des „Krankseins im Urlaub“ vom ungarischen Psychoanalytiker Sándor Ferenczi (1919) beobachtet und seinerzeit als „Sonntags- oder Ferialneurose“ bezeichnet.  Neben verschiedenen körperlichen Symptomen beobachtete er eine „gewisse spannungsvolle Langeweile, die die Betreffenden mit keinerlei Zerstreuung hindern können, gepaart mit einer für sie selbst qualvollen Arbeitsunfähigkeit.“ (S.Ferenci, 1927, S. 181) Kurzum: „Faulheit mit Gewissensbissen“, ein Zustand, der gerade heute in einer leistungsgetriebenen Gesellschaft aktuell sein dürfte. Jede freie Sekunde sollte in größtmöglicher Effizienz der persönlichen Selbstverwirklichung oder der Turbo-Entspannung durch Meditation, Yoga und Sportangebote gewidmet sein. So sollen erschöpfte Reserven wirkungsvoll aufgefüllt und die Leistungsfähigkeit weiter gesteigert werden. Schließlich ist ja jeder seines eigenen Glückes Schmied und Erfolg ist nur eine Frage von Disziplin und harter Arbeit – so zumindest die klassisch neoliberalistischen Grundannahmen. Man muss weder Arzt noch Psychologe sein, um zu erkennen, dass diese – zugegebenermaßen überspitzt dargestellte – Denkweise für viele Menschen zu einem gewissen nie nachlassenden (psychosozialem) Druck führt.

Doch kehren wir vorerst zu den körperlichen Symptomen zurück. Denn auch moderne Forscher griffen das Phänomen des „Krankseins“ im Urlaub oder an Wochenenden auf. Eine Arbeit niederländischer Forscher aus dem Jahre 2002 prägte im Zusammenhang mit den oben beschriebenen Symptomen erstmals den Begriff „Leisure Sickness“. An einer Stichprobe von 160 Probanden versuchten sie den Hintergrund und die Charakteristik des Begriffs zu ergründen. Als Risikofaktoren identifizierten die Forscher eine hohe Workload und verschiedene Charakterzüge, wie die Unfähigkeit zur Anpassung an die „Nicht-Arbeitssituation“, ein großes Bedürfnis nach Erfolg und hohes arbeitsbezogenes Verantwortungsgefühl. Besonders gefährdet sind also die Kolleginnen und Kollegen, die viel Arbeit in kurzer Zeit verrichten müssen und aufgrund ihrer hohen Arbeitsmoral und der nie enden wollenden Verantwortung auch zu Hause nicht abschalten können. Verschiedenste Erklärungsansätze der Autoren (Van Heck & Vingerhoets 2007) reichen von einem sekundären Krankheitsgewinn (z.B. „Ich bekomme alle Aufmerksamkeit von der Familie, wenn ich krank bin!“), über Symptomsensibilisierung („Erst wenn ich nicht mehr arbeite, nehme ich wahr, welche Signale mir mein Körper sendet!“) bis hin zu der „besseren Krankheitszeitpunkt-Finder“-Theorie („Ich verschiebe meine Krankheit [unbewusst] auf einen besseren Zeitpunkt!“). Als (Teil-)Ursache können auch Lifestyle-Faktoren, wie z.B. erhöhter Alkohol- und Nikotingenuss in der Freizeit nicht ausgeschlossen werden (Van Heck & Vingerhoets 2007). Man könnte vermuten, dass von Leisure Sickness betroffene Menschen an freien Tagen einen ungesünderen Lifestyle (z.B. erhöhter Alkohol- oder Nikotinkonsum) als Nicht-Betroffene pflegen, allerdings gab die Studie keine Hinweise auf einen signifikanten Unterschied der beiden Gruppen in dieser Hinsicht.

Studien aus dem Bereich der Psychoneuroimmunologie (PNI) bringen psychosoziale Faktoren in Verbindung mit Immunaktivität und liefern so einen bio-psycho-sozialen Erklärungsansatz zur Leisure Sickness. Denn eine der Kernfragen in der PNI beschäftigt sich mit den immunologischen Folgen akuter und chronischer Stressoren. Dabei sind die ursprünglichen, evolutionären Mechanismen recht simpel und einleuchtend: Denn nehmen wir einen Stressor, also in der Steinzeit z.B. ein Säbelzahntiger oder eine giftige Schlange, wahr, springt unser Alarmsystem (das limbische System, genauer die Amygdala) im Gehirn an und sendet dem restlichen Körper das Signal: Achtung! Gefahr! Der Körper reagiert dann unmittelbar und in sinnvoller Art und Weise. Puls und Hautleitfähigkeit werden erhöht, in dieser Situation unwichtige Tätigkeiten, wie z.B. Verdauung und Sexualität werden zurückgefahren und die gesamte Aufmerksamkeit wird auf die Bedrohung fokussiert. Diese Reaktion ist auch unter dem Begriff „Fight-or-Flight“ bekannt. In diesem Zuge wird auch das Immunsystem aktiviert, um den Körper auf etwaige Verletzungen, die z.B. durch den Kampf mit einem Säbelzahntiger entstehen könnten, vorzubereiten. Dazu erhöht sich die sogenannte entzündliche Aktivität des Immunsystems. Kurzfristig ist dieser Mechanismus zwar überlebenswichtig, allerdings sind langfristig erhöhte Entzündungswerte z.B. mit Hinblick auf Autoimmunerkrankungen sehr bedrohlich und müssen deshalb vom Organismus mittels verschiedener Mechanismen (z.B. Kortisol-Ausschüttung aus der Nebenniere; Vagusnerv) wieder in Balance gebracht werden. Heutzutage sehen wir uns nur noch in absoluten Ausnahmefällen der Bedrohung durch einen Tiger ausgesetzt, dennoch kann anhaltender Leistungsdruck, z.B. in der Prüfungsphase bei Studenten oder zeitlicher Druck zum Abschluss einer Projektarbeit in der Firma, bei vielen Menschen eine ähnliche immunologische Reaktion wie ein Tiger auslösen – allerdings über einen wesentlich längeren Zeitraum. Im Kampf mit einem wilden Tier wird sich schnell entscheiden, ob man entkommen kann oder nicht. Schlechte Arbeitsbedingungen, Existenz- oder Prüfungsängste können längere Zeit andauern und im schlechtesten Fall sogar das ganze (Arbeits-)Leben begleiten. Während dieser stressbelasteten Phasen wird das Immunsystem ständig aktiviert und muss auch ständig wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Dieser Vorgang ist ein dynamischer Prozess, bei dem es auch zu einer Art Überregulation kommen kann. Kurz gesagt: Bei viel Stress ist viel Cortisol zwar nützlich und wichtig, fällt der (psychosoziale) Stress allerdings schlagartig ab, kann sich die Immunfunktion kurzfristig auch erst einmal verschlechtern. Hinweise dafür liefert z.B. eine Studie von Maydych und Kollegen (2017): Die Forscher untersuchten eine Gruppe von Studierenden zu unterschiedlichen Zeitpunkten vorwährend und nach einer Prüfungsphase und konnten zeigen, dass eine Woche nach dem letzten Examen u.a. die Anzahl und Funktionalität der Monozyten reduziert war, was auf eine Beeinträchtigung der Immunfunktion hindeutet. Andere Studien aus dem Bereich der PNI, weisen bereits seit 20 Jahren auf eine nur eingeschränkt schützende Immunaktivität im Zusammenhang mit chronifiziertem psychischem Stress hin (De Gucht et al. 1999). In Kombination mit den anderen, bereits erwähnten Erklärungsfaktoren von Leisure Sickness scheint die Immunhypothese eine plausible Antwort auf die eingangs gestellte Frage „Warum werde ich ausgerechnet immer im Urlaub krank?“ zu geben.

Nun stellt sich aber auch die Frage: Was tun? Wir haben bereits erörtert, dass die Leisure Sickness bisher nur durch ein bio-psycho-soziales Zusammenspiel verschiedener äußerer (sozialer) Faktoren (wie z.B. Zeitdruck auf der Arbeit), innerer (psychischer) Faktoren (z.B. übersteigertes Verantwortungsgefühl im Beruf) und körperlicher (biologischer) Faktoren (Stress wirkt auf das Immunsystem) erklärt werden kann. Insofern erscheint auch ein bio-psycho-sozialer, d.h. ganzheitlicher Lösungsansatz besonders zielführend: Im Sinne der äußeren Faktoren könnte beispielsweise eine Umstellung im beruflichen Alltag helfen. Den inneren Faktoren könnte man in einem ersten Schritt mithilfe verschiedenster Angebote zum Stressmanagement, die auch die Selbstreflexion fördern, begegnen. Viele Krankenkassen bieten in dieser Hinsicht Präventionsprogramme an. Sollte sich darüber hinaus eine gewisse Neugierde auf die eigene Persönlichkeit bzw. tiefergehende (unbewusste) Konflikte entwickeln, kann dem im Rahmen einer professionellen Beratung nachgegangen werden. Auf physischer Ebene ist zunächst darauf zu achten, dass der Körper generell mit ausreichend Nährstoffen (Stichwort: ausgewogene Ernährung) und Bewegung (Stichwort: aktiver Lebensstil) versorgt ist. Inwiefern dann noch medikamentöse Interventionen (wie z.B. Schmerzmittel) notwendig sind, hängt vom individuellen Fall und natürlich dem wahrgenommenen Leidensdruck ab. Bei starken körperlichen Symptomen jeglicher Art sollte aber selbstverständlich immer ein Arzt zu Rate gezogen werden.

Ferenczi, S. (1927). Sonntagsneurosen. In: Bausteine zur Psychoanalyse II Praxis. Internationaler Psychoanalytischer Verlag: Leipzig – Wien – Zürich, S. 178–184.

Vingerhoets, A.J.J.M., Van Huijgevoort, M., & Van Heck, G.L. (2002). Leisure Sickness: A Pilot Study on Its Prevalence, Phenomenology, and Background. Psychotherapy and Psychosomatics71, 311–317.

Van Heck, G.L., & Vingerhoets, A.J.J.M. (2007). Leisure Sickness: A Biopsychosocial Perspective. Psychological Topics, 16(2), 187–200.

Maydych, V., Claus, M., Dychus, N., Ebe,l M., Damaschke, J., Diestel, S., Wolf, O.T., Kleinsorge, T., Watzl, C. (2017). Impact of chronic and acute academic stress on lymphocyte subsets and monocyte function. PLoS ONE, 12(11): e0188108.

De Gucht V, Fischler B, Demanet C. (1999). Immune dysfunction associated with chronic professional stress in nurses. Psychiatry Research, 85(1):105–11.

Hallo, mein Name ist Chris. Eigentlich Christian, aber nur meine Eltern nennen mich so. Insbesondere dann, wenn ich etwas angestellt habe. Angestellt habe ich mich oft in der Mensa, als ich Betriebswirtschaft studiert habe. Meine Kernkompetenz liegt (noch) nicht im Betrieblichen Gesundheitsmanagement, sondern im Social Media-Management. Ich habe es zwar nicht studiert, aber schon sehr früh – da gab es gerade StudiVZ – eine Affinität für die Welt der sozialen Netzwerke entwickelt. Privat wie beruflich finde ich alles, was mit Social Media zu tun hat, interessant. Nur vielleicht nicht Snapchat. Dafür fühle ich mich dann doch etwas zu alt. Das Handwerk dazu lernte ich in einer Essener Social Media-Agentur und nach ein paar Jahren zog es mich zum Team. Hier kümmere ich mich nun um Facebook, Instagram, LinkedIn, Xing und was sonst noch so im Social Web anfällt.
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