Benjamin Button und wie der Blick aus dem Tal der Bewegungslosigkeit führen kann

Von |2019-10-24T13:57:35+01:003 Apr, 2019|Bewegung und Ergonomie, Gesundheitsmanagement|

„Nochmaaaaaaaaal!“ Nach der Zeit, in der wir Mama oder Papa in Endlosschleife lachend in die Arme gelaufen sind, weil es uns – mit gerade mal zwei Zähnchen im Mund und zwei kippeligen Füßchen am Boden – so viel Spaß gemacht hat, uns bewegt zu erleben, schleicht Bewegungsfreude mit zunehmenden Lenzen zusehends talabwärts – dorthin, wo die unzureichende körperliche Aktivität sitzt.

60 Minuten körperliche Aktivität sollen es laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) pro Tag pro Kind sein. Mit steigendem Lebensalter nimmt jedoch der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die die Bewegungsempfehlung der WHO erreichen, kontinuierlich ab. Lediglich 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen zwischen 3 und 17 Jahren bleiben jenseits der Talsohle körperlich aktiv genug. Die Ergebnisse stammen aus der KiGGS Welle 2. KiGGS ist Bestandteil des Gesundheitsmonitorings am Robert Koch-Institut (RKI).



Mit steigendem Lebensalter nimmt der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die die Bewegungsempfehlung  der Weltgesundheitsorganisation erreichen,  kontinuierlich ab.

„Komm`, wir spielen Verstecken-Fangen! Ohne Dreier!“

Körperliche Aktivität ist laut Journal of Health Monitoring 2018 definiert als „jegliche Bewegung, die durch Skelettmuskeln erzeugt wird und zu einem erhöhten Energieverbrauch führt.“ Dass  mehr  als  drei Viertel der Mädchen und zwei Drittel der Jungen in Deutschland die WHO-Bewegungsempfehlung verfehlen, zeigt, wie groß das Potenzial für die Bewegungsförderung ist. Und die WHO-Bewegungsempfehlung ist dabei das Minimum, um nicht ins Tal mit ernsthaften Folgen für die Gesundheit zu rutschen. Es gibt übrigens zwei Faktoren, die eine geringe körperliche Aktivität begünstigen: Sie wurde häufiger bei weiblichen Jugendlichen angegeben und bei Mädchen und Jungen aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status.



Laut RKI erreichen Mädchen der Altersgruppe 3 bis 10 Jahre in KiGGS Welle 2 die WHO-Empfehlung deutlich seltener als noch in KiGGS Welle 1.

Und natürlich, lernt ein Hänschen, das regelmäßig im Sportverein geschwitzt hat und mit seinen Eltern Fahrradtouren unternommen hat, besser Bewegung in seinen Alltag zu integrieren, als der Hans, der ohne körperliche Aktivität im Kindesalter unterwegs war.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts zu gesundheitsfördernden Aktivitäten in der Freizeit bei Erwachsenen in Deutschland (GEDA 2014/2015) treiben es eben auch Erwachsene nicht gerade auf die Spitze ihres Bewegungsverhaltens:

  • Gerade einmal ein Drittel der Erwachsenen (27,6 Prozent der Frauen / 31,2 Prozent der Männer) folgen der Empfehlung der WHO, mindestens zweimal pro Woche muskelkräftigende Aktivitäten auszuüben.
  • In punkto Ausdauerleistung ist auch noch Luft nach oben (42,6 Prozent der Frauen / 48 Prozent der Männer) – wenn auch nicht so viel wie beim Muskeltraining.

Bewegungsmuffeligere Erwachsene tun sich nicht nur selbst nicht gut. Sie leben ihren Kindern mit ihrem Verhalten auch körperliche Inaktivität vor. So programmieren sie den Code für deren Talfahrt gleich mit.

Zurück zu Kindern und Jugendlichen: Darauf, wie wichtig eben auch das vorbildliche Bewegungsverhalten der Eltern ist, verweist auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf der Seite kindergesundheit-info:

  • „Sobald sich Ihr Kind einigermaßen sicher auf seinen Beinen fühlt, wird es an „Laufspielen“ mit Ihnen seine helle Freude haben. Mit zunehmendem Alter werden dann andere Kinder immer interessanter: Durch Bewegung grenzt sich Ihr Kind von anderen Kindern ab, passt sich deren Bewegungsmuster an oder gibt selbst Bewegungsarten vor.“
  • „Unternehmen Sie gemeinsam mit Ihren Kindern Spaziergänge durch Feld, Wald und Wiesen. Aus kleinen Anregungen entsteht hierbei oft der größte Spaß: Papierflieger fliegen lassen, auf Waldwegen über Wurzeln springen, über Baumstämme balancieren, Kastanien und Blätter sammeln, verstecken spielen sind nur einige Beispiele hierfür.“

Ein noch größerer Bewegungsumfang als der von der WHO empfohlene führt natürlich zu einem größeren gesundheitlichen Nutzen. Diese Erkenntnis spiegele sich nach Journal of Health Monitoring in den „Nationalen Empfehlungen für Bewegungsförderung für Kinder und Jugendliche“ für Deutschland wider. Demnach sollten sich Kindergartenkinder täglich sogar mindestens 180 Minuten körperlich betätigen; Kinder und Jugendliche ab der Grundschule täglich sogar mindestens 90 Minuten – und weniger Zeit sitzend verbringen.

Die Vorteile eines bewegten Lebens

Kennen Sie den Film über Benjamin Button? Als Benjamin Button auf die Welt kommt, hat sein Körper zwar die Proportionen eines Babys, aber seine körperliche Konstitution gleicht der eines 80-jährigen Greises. Er wird jeden Tag ein Stück jünger und ist dazu verurteilt, ein Leben führen, das in mehr als einer Hinsicht spiegelverkehrt verläuft. Stellen Sie sich das einmal vor! Wenn Sie wüssten, Sie würden Richtung Lebensende immer jünger: Würden Sie das antreiben, sich mehr zu bewegen? Weil das Ziel dann attraktiver wäre? Welche Vorteile gäbe es?

  • Mehr Spannkraft,
  • jugendlicheres Aussehen und
  • weniger Gebrechlichkeit (…)

Unsere biologische Uhr läuft jedoch anders. Wir werden alt. Und immer älter. Deutschland ist ein Land des langen Lebens. Bewegung hat – natürlich – auch Einfluss darauf, wie gesund das Hirn im Alter bleibt: Nach Angaben des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, senken Menschen, die sich fit halten und zugleich gesund ernähren, das Risiko, im Alter an Alzheimer zu erkranken, um bis zu 60 Prozent. Welche direkten Bezüge es zwischen Bewegung und dem Alzheimer-Risiko gibt, ließen sich zwar derzeit nicht befriedigend beantworten.

Doch die Vorteile körperlicher Betätigung sind bekannt. Sport und Bewegung im Alltag:

  • regen die Durchblutung an und das Gehirn bekommt mehr Sauerstoff,
  • senken den Blutdruck und den Cholesterinspiegel,
  • verhindern Übergewicht,
  • beugen der Zuckerkrankheit, Herzinfarkten und Schlaganfällen vor,
  • schützen vor Gefäßverkalkungen und damit vor vaskulärer Demenz und
  • beugen depressiven Verstimmungen vor.

Und vielleicht hilft mit Blick auf die biologische Anpassungsfähigkeit unseres Körpers und Benjamin Button ja ein neuer Glaubenssatz, der sich durch eine neue Perspektive ergibt: In jedem von uns steckt die Fähigkeit, sich bis ins hohe Alter mehr Spannkraft, jugendlicheres Aussehen und weniger Gebrechlichkeit zu erhalten. Wir müssen sie nur immer wieder aus ihrem Versteck bewegen und uns selbst aus dem Tal der Bewegungslosigkeit führen.

Ich heiße Wibke Roth. Und ich arbeite am liebsten schreibend und schwitzend – in die Tasten hauend und als Fitness-Trainerin. Man könnte auch schreiben: Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich andere in Bewegung bringe, erlebe ich sie. Meistens bewege ich mich übrigens mit. Ich kann nicht anders. Manchmal gerate ich jedoch auch beim Schreiben ins Schwitzen: je nach Temperatur, Thema und Terminfrist. Wenn mein Sportsgeist außer Atem kommt, haue ich auch gerne einfach `mal ab – in die Berge, ans Meer oder in den Wald. Wenn davon nichts in Sicht ist, haue ich mich einfach aufs Ohr. Das ist sehr gesund und besser als draufloszuhauen – also wild schreiend; dann doch lieber schreibend in die Tasten.

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